Deutsches Reich: Winter 1944/1945 – Ein Zeitzeugenbericht von Hermann Kupke
Am 16. Dezember 1944 begann Hitler-Deutschland an der Westfront die Ardennenoffensive. An der Ostfront rückt die Rote Armee unaufhörlich mit der 1. Ukrainische Front und der Polnischen Armee unter Marschall Iwan Konew bis zur Reichsgrenze bei Breslau vor. Im Oktober des Jahres 1944 brach die kalte Jahreszeit herein, einer der schlimmsten Winter der letzten Jahren stand bevor.
Zu dieser Zeit müssen 14 Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen. In endlosen Trecks drängten Flüchtlingsströme aus Schlesien, Ostpreußen, Pommern und Brandenburg in den Westen des damaligen Deutschlands.
Alle Zugverbindungen sind durch die Front unterbrochen. Kraftfahrzeuge und Motorräder besitzt nur die Wehrmacht. Die Menschen fliehen zu Fuß, mit Handwagen oder Pferdefuhrwerken in das westliche Reichsgebiet. Auf den Wagen sitzen alte Männer und Frauen, die kaum vor dem eisigen Winter geschützt sind. Mütter schieben Kinderwagen mit Kleinkindern viele Kilometer weit.
Nur das Nötigste an Ausrüstung dabei, kaum Nahrung und Wasser, zogen die Flüchtenden aus den Ostgebieten des 3. Reiches quer durch das zerstörte Land. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Region im Zuge der sowjetischen Westverschiebung ein Teil Polens. Insgesamt wurden rund 3,3 Millionen Deutsche aus Schlesien vertrieben.
Schlesien ist die südöstliche Provinz im Deutschen Reich. Mit dem Ende des 1.Weltkrieg und dem am 28. Juni 1919 unterzeichneten Friedensvertrag von Versailles wurden von Niederschlesien, Teile vom Landkreis Groß-Wartenberg, das Reichthaler Ländchen vom Landkreis Namslau, die östlichen Teile von den Landkreis Guhrau und Militsch ohne Befragung der Bevölkerung, Polen zugesprochen. Oberschlesien sollte ganz zu Polen kommen.
1945 – Gegen das Vergessen! Vertriebener aus Schlesien erinnert sich / Freie Presse News – Dauer: 42:50
Links zum Video:
- Gegen das Vergessen! Ende des 2. Weltkrieges in der Oberlausitz
- Feuersturm über Dresden – 80. Jahrestag der Bombardierung
Landkarte Deutsches Reich bis 1919 mit der Lage von Schlesien

110 Tage und 558 km: Stationen der Flucht aus Schlesien, von Klein Perschnitz (Pierstnica Mala) bis Elsdorf (30 km nördlich von Chemnitz)
Auszüge aus den Lebenserinnerungen von Hermann Kupke „Meine Heimat – Meine Familie“
„… Schon ab Mitte Januar war der Geschützdonner der anrückenden Roten Armee zu hören, ebenso wie das Dröhnen der Flugzeuge, die Breslau und Trebnitz, aber auch schon Städte westlich der Oder bombardierten. Der Befehl, die wichtigsten Sachen zu packen, wurde von der Dienststelle in Militsch noch nicht gegeben. Der Ortspolizist und der Ortsbauernführer kontrollierten, ob schon Wagen gepackt waren. Es wurde erzählt, dass Menschen, die sich nicht daran gehalten hatten, von der Feldpolizei aufgegriffen wurden. Sie wurden wegen Wehrkraftzersetzung und Angst vor dem Feind standrechtlich erschossen. Das hat als Abschreckung gereicht; niemand, der sich mit dem Gedanken getragen hatte, wagte es noch.
Der Tagesablauf ging weiter wie bisher: Die Bauern mussten das Vieh füttern und die Luxemburger bauten an den Befestigungsanlagen im Wald. Die Nachrichten, die verbreitet wurden, waren so unterschiedlich, dass niemand wusste, was richtig war. Mal hieß es, die Russen hätten die zehn Kilometer entfernte Grenze überschritten, dann kam die Nachricht, der Vormarsch der Roten Armee sei von den deutschen Truppen gestoppt worden und der Gegenangriff sei so erfolgreich gewesen, dass die Bevölkerung keine Angst zu haben brauche. Es wurde von der Wunderwaffe erzählt, die Hitler einsetzen werde, um den Krieg zu gewinnen. Es sollte so kommen, wie die Luxemburger es im Radio hörten und uns sagten. In ein paar Tagen sind die Russen da. Je näher die Rote Armee und die polnischen Truppen kamen, desto unruhiger wurde die Bevölkerung. …“
Vom Elternhof in Klein Perschnitz bis zur Oder
(6 Tage und 91 km)
20. Januar 1945: Klein Perschnitz–Kath.-Hammer (Ungarn schließt mit der Sowjetunion einen Waffenstillstand und tritt in den Krieg gegen das Deutsche Reich ein)
21. Januar 1945: Prausnitz (Prusice) Kath.-Hammer
22. Januar 1945: Prausnitz / Wohlau (Wolow)

(Bild: aus Google-Bildergalerie „Flucht aus Schlesien“)
23 . Januar 1945: Wohlau / Leubus (Lubiaz) (Die Kriegsmarine beginnt die Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus Ostpreußen auf dem Seeweg. Damit soll möglichst vielen Deutschen die Flucht vor der auf Berlin vorrückenden Roten Armee ermöglicht werden. Zwei bis drei Millionen Menschen gelangen auf diese Weise in den Westen)
24. / 25. Januar 1945: Leubus / Oderbrücke-Parchwitz (Heinrich Himmler wird zum Oberbefehlshaber einer neuen Heeresgruppe ernannt, um den Vormarsch der Roten Armee auf Berlin zu stoppen. Die dafür erforderlichen Verbände gibt es nicht)

Von der Oder nach Zittau von Schlesien nach Sachsen
(16 Tage und 193 km)
26. Januar 1945: Parchwitz / Liegnitz (Legnica) / Kroitsch (US-Präsident Franklin D. Roosevelt fordert die Schweiz auf, ihre Nahrungs- und Wirtschaftslieferungen an Deutschland einzustellen)
27. und 28. Januar 1945: Kroitsch (Die Rote Armee befreit das Vernichtungslager Auschwitz, in dem noch 7.600 Häftlinge sind. Erste sowjetische Einheiten erreichen Küstrin)
29. Januar 1945: Kroitsch / Goldberg (Ziotoryja) / Hermsdorf
30 . Januar 1945: Hermsdorf / Pilgramsdorf / Löwenberg (Die Versenkung des Passagierdampfers „Wilhelm Gustloff“ in der Ostsee fordert den Tod von 9.000 Flüchtlingen. Adolf Hitler ruft in einer Rundfunkansprache zum „Endsieg“ auf und verweist auf den Einsatz von „Wunderwaffen“)
30. Januar 1945: Pilgramsdorf / Lähn (Wlen)
31. Januar: Lähn (Die Festungsfront Oder-Warthe-Bogen, auch Ostwall genannt, wird nach drei Kampftagen von der Roten Armee durchbrochen. Nach der erfolgreichen sowjetischen Winteroffensive steht die Rote Armee Ende Januar 1945 entlang der Flüsse Oder und Neiße von Stettin bis Görlitz knapp 80 Kilometer vor Berlin
31. Januar 1945: Löwenberg / Lauban (Luban) / Lichtenau (Zareba)
1 . Februar 1945: Lähn-Greifenberg (Gryfow-Slaski)
2 . Februar 1945: Lichtenau / Schönberg (Sulikow) (Beim Kampf um Küstrin erfolgte der Übergang sowjetischer Truppen nördlich und südlich der auf einer Oderinsel gelegenen Altstadt und der Festung Küstrin. Die beiden Brückenköpfe waren in der zweiten Märzhälfte 1945 heftig umkämpft)
2. Februar 1945: Greifenberg / Marklissa (Lesna) / Seidenberg
3. Februar 1945: Schönberg / Seidenberg / Türtau (Bei einem schweren Luftangriff der Amerikaner kommen in Berlin rund 3.000 Menschen ums Leben)
4. Februar 1945: Schönberg / Hirschfelde (Der sowjetische Partei- und Regierungschef Josef W. Stalin, der britische Premierminister Winston Churchill und US-Präsident Roosevelt treffen sich auf der Konferenz von Jalta.
4. / 5. Februar 1945: Türtau / Hirschfelde
6. Februar 1945: Türtau-Drausendorf u. Hirschfelde-Drausendorf
7. bis 10. Februar 1945: Drausendorf bei Zittau (Die deutsche Besatzung in Budapest kapituliert vor der Roten Armee. US-Operation Veritable im Raum Kleve, auf Deutsch als Schlacht im Reichswald bekannt. Die ersten Flüchtlinge kommen mit einem Flüchtlingsschiff im besetzten Kopenhagen an. Hunderttausende Menschen vor allem aus Hinterpommern, Danzig sowie West- und Ostpreußen werden über die Ostsee vor den heranrückenden sowjetischen Truppen evakuiert. 10. Februar bis 4. April: Schlacht um Ostpommern)

Die Flucht durch die Oberlausitz von Drausendorf nach Schönbrunn
(19 Tage und 138 km)
11. Februar 1945: Drausendorf / Ebersbach
12. / 13. Februar 1945: Ebersbach (13. Februar 1945 – Beobachtung des Feuerscheins nach der Bombardierung von Dresden, ca. 90 km entfernt / Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ruft Frauen und Mädchen zum Hilfsarbeitsdienst beim „Volkssturm“ auf)
14. Februar 195: Ebersbach Neusalza
15. Februar 1945: Neusalza (Um die Kampfmoral aufrechtzuerhalten, verordnet Reichsjustizminister Otto Georg Thierack für alle frontnahen Orte die Standgerichtsbarkeit)
16. Februar 1945: Neusalza / Wehrsdorf
17. Februar 1945: Wehrsdorf
18. Februar 1945: Wehrsdorf / Steinigtwolmsdorf
19. / 20. Februar: 1945: Steinigtwolmsdorf
21. Februar 1945: Steinigtwolmsdorf / Schönbrunn
22.-25. Februar 1945: Schönbrunn (US-Truppen der 9. US-Armee überqueren zu Beginn der Operation Grenade die Rur bei Linnich, Jülich und Düren)
26.Februar 1945: Schönbrunn / Pulsnitz (Die britischen Einheiten beginnen an der Westfront eine Offensive, um die Wehrmacht bis zum rechten Rheinufer zurückzudrängen. Himmler ordnet die Einführung von Sonderstandgerichten an, um die Auflösungserscheinungen in vielen Wehrmachtseinheiten zu unterbinden)
27. Februar 1945: Lichtenberg / Radeburg / Steinbach
28. Februar / 1. März 1945: Steinbach / Meißen / Schlettau

Von Schlettau nach Elsdorf – Das Ende der Flucht
(69 Tage und 136 km)
02.März 1945: Schlettau / Leuben
03. März 1945: Leuben / Döbel / Gerigswalde (Finnland erklärt rückwirkend dem Deutschen Reich den Krieg)
04. März 1945: Gerigswalde / Elsdorf (Die Wehrmacht beruft alle Jungen des Jahrgangs 1929 zum Kriegsdienst ein; nach kurzer Grundausbildung sollen sie an die Front geschickt werden)
04. März bis 09. Mai 1945: Elsdorf (6. März: Das linksrheinische Köln wird eingenommen. Der 9. Mai 1945 ist der Tag, an dem die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Berlin-Karlshorst in Kraft trat. Unterzeichnet wurde die auf den 8. Mai 1945 datierte Urkunde erst kurz nach 0 Uhr des 9. Mai.)
04 März: „… Heute ist Sonntag und es sollte der letzte Tagesabschnitt unserer Flucht werden. Nach dem Frühstück, das der Bürgermeister für uns organisiert hat, wurde der Treck zusammengestellt. Vor der Abfahrt musste unser Treckführer noch einmal zum Bürgermeister. Dort erfuhr er, wohin wir fahren sollten. Vor der Abfahrt gab er den Flüchtlingen den Namen des Ortes bekannt. Der Ort hieß Elsdorf und war 30 Kilometer entfernt. Wir sollten dort bleiben, bis der Krieg zu Ende ist und wir wieder nach Hause können. […]

Zurück in die Heimat – Von Elsdorf bis …
„… Bis zum Samstag, dem 12. Mai, haben wir gewartet, dann kam der Tag des Abschieds aus Elsdorf. Die Sachen wurden auf die Wagen geladen, ebenso Essen für die nächsten Tage und Futter für die Pferde. Wir mussten nun mit zwei Pferden auskommen. Das dritte war vor einem Monat gestorben. Der Kutschwagen wurde an den großen Wagen angehängt. Nach dem Frühstück wurde der Treck auf der Dorfstraße zusammengestellt. Zur Verabschiedung kamen viele Einwohner. […]
Etwa 30 Wagen setzten sich in Bewegung. Nach wenigen Kilometern erreichten wir die Mulde in Lunzenau. Auf der anderen Flussseite waren die ersten Posten der Russen. Sie hatten die Straße gesperrt und ließen niemanden durch. Wir haben den ganzen Tag gewartet, aber auf der anderen Seite hat sich nichts getan. Es handelte sich um einfache Soldaten, die den Befehl hatten, niemanden durchzulassen. …“

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa am 9. Mai 1945 endete zwar die dramatische Flucht der Familie Hermann Kupke und von Millionen weiteren Vertriebenen vor den unmittelbaren Kriegswirren. Ein Ende ihrer Irrfahrten und ihres Versuchs, in ihre angestammte Heimat Schlesien zurückzukehren, war damit jedoch nicht erreicht.
Die Familie Kupke konnte sich in ihrem Heimatort Klein Perschnitz, von wo aus sie am 20. Januar 1945 floh, nicht wieder niederlassen. Nach einer elfmonatigen Flucht und Irrfahrt durch halb Deutschland fand sie letztendlich ein neues Zuhause zunächst in Pietzschwitz, das etwa elf Kilometer westlich von Bautzen liegt.


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